Sonntag, Jänner 21, 2007

Erlebnis Bahn

Ich sehe mich selbst als emanzipierte Frau. Als richtig emanzipierte Frau. So emanzipiert, daß ich es nicht nötig habe, Texte in geschlechtsneutraler Sprache zu verfassen um mich frei zu fühlen. Auch spezielle Frauenangebote, Frauentage,... finde ich für mich nicht unbedingt nötig.

Trotzdem habe ich mich aufgrund des supergünstig erscheinenden Angebotes der ÖBB "Frauentag" entschieden, die Heimreise nicht am Freitag (Innsbruck - Linz € 22,70) sondern einen Tag später, am Frauentag-Samstag (€ 11,-- innerhalb Österreichs). NUR wegen der Geldersparnis, das sei nochmals gesagt.

Also habe ich mich gestern fertiggemacht für die Heimfahrt. Der Zug mit der Planabfahrt 09.30 (PLANabfahrt ist wichtig, denn das entspricht in 98% der Fälle nicht der realen Abfahrtszeit) wurde auserkoren, mich dem schönen Eferding näher zu bringen.
09.30 Abfahrt am Bahnhof plus ca. 30 min um von der Bushaltestelle in den Bahnhof zu gelangen, das Ticket zu kaufen, 2 Schinkenkornspitze mit Gurkerl für die Fahrt zu erstehen und auf dem Bahnsteig den strategisch besten Platz zu beziehen. Das heißt, um 08.45 zur Bushaltestelle vor dem Haus, der Bus fährt um 08.47 und braucht 12 min. Perfekte Planung.

Doch gestern war nicht Freitag. Leider. Der Bus fährt samstags nur alle 15 min, und zwar zur ganzen Stunde, Viertel nach, Halb und Dreiviertel. Den 08.45 er hab ich natürlich versäumt. Wer jetzt schnell nachrechnet weiß, daß ich etwas warten mußte und erst um 09.12 am Bahnhof war. Geht sich auch noch aus - im Notfall. Am Automaten war nur eine kleine Schlage, sehr schön. Leider ließ sich das "Frauenticket" nicht ordern. Also versuchte ich es mit einem echten Menschen als Gegenüber. Der sehr freundliche Kundendienstmitarbeiter erklärte mir dann auch, daß wohl Frauentag wäre, die Tickets habe man aber nur von Mittwoch bis Freitag kaufen können.

Resignation. Welchen Vorteil hat die ÖBB, wenn ich am Freitag UND am Samstag am Bahnhof erscheine? Sie kriegen trotzdem nur € 11,-- von mir.

Also zurück zum Automaten, anstellen. Ticket um € 22,70. Die Zeit reicht nicht mehr für den Supermarkt, die Verpflegung muß also schneller gekauft werden.
Ein "Reiseimbiss"- Geschäft kommt gerade recht. "2 Kornspitz mit wenig Schinken und Gurkerl bitte." Es gibt nur Semmerl. Gut, dann eben 2 Semmerl, aber mit WENIG Schinken.
Der Wurstsemmelkoch überreicht mir ein Paket und verlangt € 5,-- "Wie bitte?" "5 Euro." Hab ich mich 2 Mal verhört? Ein Schinkensemmerl mit wenig Schinken und Gurkerl kostet € 2,50? Zögernd gebe ich mein Geld her, warte auf Wechselgeld. Es kommt keines. Völlig überrumpelt laufe ich zum Bahnsteig, in den Zug, der bereits dasteht. Die anderen sind schon eingestiegen, die Chance auf einen guten Platz sinkt.
Ich finde dennoch einen, im von Pensionistinnen überfüllten Zug. (Fahren die mit der Frauentagskarte oder mit der Resi-Berghammer-Seniorenkarte? Penisonist müßte man sein in Österreich...)

Was solls, ich bin hungrig und packe meine Semmerl aus (ein wirklich schönes Sackerl übrigens, isoliert, um eventuelle Leberkässemmeln nicht auskühlen zu lassen, das kostet eben) und schrecke zurück.
Im Semmerl ist mindestens 1 cm Toastschinken - Toastschinken, pfui, den kann man nur verkochen, aber doch nicht im Semmerl (das eigentlich ein Kornspitz sein sollte) essen. Und dann diese Menge!!! Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, daß es nur 4 Scheiben sind. Wenig, ja, aber extradick geschnitten...
Angewidert packe ich die Semmerl wieder ein. Das kann ich nicht essen.

30 min später. Jenbach. Ich habe heute noch nix gegessen, mein Magen beginnt zu knurren. Ich packe ein Semmerl aus. Nicht hinsehen, nicht dran riechen, einfach abbeißen (Den Tip bekam ich von meinem lieben H., damals ging es um ein Kebab). Ein mutiger, winziger Biß und ich packe wieder ein. Der Toastschinken schmeckt fettig, ekelhaft.

Kurz nach Kufstein kann ich mich nicht mehr ablenken. Ich bin hungrig, habe € 5,-- für eine Jause ausgegeben und will sie jetzt essen!
Die Semmerl aus dem Sack, Toastschinken aus den Semmerl, in den Sack zurück und weggepackt. Kurz warte ich noch, dann stürze ich mich erst auf die spärlichen Gurkerl, dann auf die leeren Semmerl. Der Hunger ist weg, ich bin trotzdem verärgert. Den fettige Preßwurstzeugs nehme ich mit heim, vielleicht kann man damit was kochen.

Gesättigt beginne ich zu Lernen, irgendwann schlafe ich ein, wache in Attnang wieder auf und suche mein Rätselheft. Ins Rätseln vertieft vergeht die Zeit irgendwie schneller.
Der Zug bleibt stehen, Leute hasten am Abteil vorbei. Ich denke daran, daß ich dann auch zusammenpacken muß, wir sind in Wels und in Linz muß ich aussteigen. Gedankenverloren blicke ich durchs Fenster, direkt auf die Anzeigetafel "Linz".
Hilfe!
So schnell hab ich noch nie gepackt, die Sachen genommen, das Abteil grußlos verlassen. Die eingestiegenen Leute am Gang werden an die Wand gedrückt, ich schaffe es irgendwie, rechtzeitig auszusteigen. Hinter mir gehen die Türen zu, der Zug fährt ab. Ein schneller Kontrollgriff, Handy, Geld, Schlüssel, Koffer, Rucksack, Jacke, alles da. Wäre auch zu spät gewesen, der Zug ist weg.

War das jetzt Glück an einem besch.... Tag oder was?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Gratuliere zu dieser überaus kurzweiligen Realsatire des öffentlichen Verkehrs.
Sie (deine Schilderung) hat mich dazu bewogen das besagte Angebot "Frau am Zug" im Internet nachzulesen. Dort findet sich im letzten Absatz ein Hinweis auf die Fristen für den Erwerb des Tickets.
Der fehlt im Radiospot allerdings.
Ein klarer Fall eines Verdienten dicken Minus für die ÖBB.

Anonym hat gesagt…

Hat sich die ÖBB schon irgendwann mal dicke Pluspunkte verdient???
Ich könnte mich nicht daran erinnern!

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.